Welchen Stundenlohn kann man als Freiberufler verlangen?

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Ob Texter, Ingenieur oder Informatiker, eine Herausforderung haben Freelancer gemein: einen realistischen Stundensatz ansetzen. Insbesondere Einsteiger stellen sich häufig die Frage, welches Honorar sie gegenüber dem Projektpartner ansetzen können und machen dabei horrende Fehler.


Inhalt des Artikels:

  1. Berechnung Stundensatz
  2. Auflistung Arbeitstage
  3. Weiterbildung & Projektakquise
  4. Netto-Stundensatz nach Fachgebiet
  5. Sozialversicherung
  6. Sonstige Einflussfaktoren
  7. Fazit

Fest steht: Hohe Qualifikationen bedeuten hohe Stundensätze, aber auch eine gute Argumentation kann ausschlaggebend sein. Einige Freelancer verkaufen sich unter Wert – insbesondere am Anfang der Karriere – ohne dabei zu beachten, welche Kosten im laufenden Jahr gedeckt werden müssen. Zusätzlich stecken einige hierbei noch im Angestellten-Denken fest, dabei ist die realistische Kalkulation kein Hexenwerk – unsere Tipps sollen hier Abhilfe schaffen.

Wie berechnet man den Stundensatz?

Die Kalkulation sollte alle monatlichen Kosten mit Trennung von privaten (z.B. Kleidung, Lebensmittel) und beruflichen (z.B. Büroräume, Arbeitsmaterialien) Ausgaben betrachten. Laut Freelancer-Kompass, liegt der durchschnittliche Stundensatz eines Freelancers der D-A-CH-Region bei rund 94 Euro Netto, Umsatzsteuer ausgenommen. Als Netto-Monatseinkommen gaben die Befragten einen Durchschnittswert von 5.900 Euro an. Das folgende Rechenbeispiel können Sie an Ihren Stundensatz anpassen und individuelle Werte einsetzen.

Als Grundlage der Berechnung wurden die jeweiligen Mittelwerte der Umfrageergebnisse des Freelancer-Kompass herangezogen. An der qualitativen Marktstudie rund ums Freelancing nehmen jedes Jahr über 1000 Freiberufler, Selbstständige und Freelancer teil. Vertreten sind sechs verschiedene Branchen bzw. Fachgebiete: SAP, Beratung und Management, IT-Infrastruktur, Entwicklung, Ingenieurwesen und Grafik, Content, Medien.

1. Auflistung der Arbeitstage

Zunächst ist es ratsam, die jährlichen Arbeitstage zu bestimmen. Auch wenn Freiberufler und Selbstständige anfangs oft das Wochenende durcharbeiten, sollte das nicht zur Normalität werden – sonst droht Frust. Um die Arbeitstage und folglich den Stundensatz zu berechnen, müssen pauschale Krankheitstage, Tage für Weiterbildung und auch Urlaub eingeplant werden. Die Tage können natürlich schwanken. Hier gilt: Besser zu viele Ausfälle einbeziehen, als zu wenige, um finanziell auf der sicheren Seite zu sein.

Tipp: Um einen Überblick über das Jahr und die produktiven Tage zu bekommen, empfiehlt es sich, einen Plan aufzustellen. Hierzu notieren Sie alle Tage des Jahres und ziehen die ab, die Sie vermutlich nicht mit ihrer freiberuflichen Tätigkeit verbringen werden: Feiertage, Wochenenden, Tage für Weiterbildung etc. Auch Büroarbeiten, wie das Erledigen der Steuererklärung und Buchhaltung, dürfen Freelancer nicht vernachlässigen: Einnahmen und Ausgaben sollten Sie stets im Blick haben.

pro Jahr Ø Anzahl Tage
Kalendertage 365
Wochenenden -104
Feiertage -13
Urlaubstage  -25
Krankheitstage -12
  =
Arbeitstage (Weiterbildung inbegriffen) 211
(Quelle Krankheitstage: AOK Fehlzeiten-Report 2018)
 

2. Zeit für Weiterbildung und Projektakquise

Laut den Umfrageergebnissen des Freelancer-Kompass, benötigen Freelancer durchschnittlich zwei Tage pro Monat, um sich weiterzubilden. Hochgerechnet auf ein Jahr, verbringt ein Freiberufler im Schnitt 24 Tage mit der Fortbildung. Die Zeit hierfür kann je nach Branche stark schwanken, während Ingenieure und Berater im Schnitt 1-2 Tage pro Monat aufwenden, zeichnet sich in schnelllebigen Branchen wie IT und Medien eine Fortbildungszeit von 2-3 Tagen pro Monat ab.

Die Projektakquise ist laut Marktstudie die größte Herausforderung für Freelancer. Hierfür investieren freie Experten im  Durchschnitt zwei Tage pro Monat. Um Anfängern die Kalkulation etwas zu erleichtern, stellen wir im Folgenden eine Beispielrechnung auf. Da hier mit Studienergebnissen und Pauschalen gerechnet wird, sind die Auswertungen nur als Richtwerte zu betrachten – Stundensätze müssen individuell erstellt und an Lebenssituationen und Einflussfaktoren angepasst werden.

Weiterbildung SAP Beratung und Management IT-Infrastruktur Entwicklung Ingenieurwesen Grafik, Content, Medien
Tage pro Monat 1,6 1,9 2,4 2,2 1,2 2,4
Tage pro Jahr 19,2 22,8 28,8 26,4 14,4 28,8

Unter Betrachtung der Zahlen für Aus- und Weiterbildung in den verschiedenen Branchen, können die Arbeitstage pro Monat errechnet werden. Diese geben lediglich eine grobe Richtung vor.

Tipp: Es ist ratsam, mit persönlichen Werten zu rechnen. Stellen Sie sich Fragen wie: Wie schnell lerne ich? Wie rasch verändert sich meine Branche? Dann finden Sie mit Sicherheit die richtige Anzahl an Tagen. Generell sollten Sie lieber zu viel als zu wenig Zeit einrechnen.

  SAP Beratung und Management IT-Infrastruktur Entwicklung Ingenieurwesen Grafik, Content, Medien
Arbeitstage pro Jahr (Weiterbildung inbegriffen) 211 211 211 211 211 211
Tage für Weiterbildung – 19,2 – 22,8 – 28,8 – 26,4 – 14,4 – 28,8
Tage für Projektakquise – 24 – 24 – 24 – 24 – 24 – 24
Arbeitstage pro Jahr (abz. WB) 167,8 164,2 158,2 160,6 172,6 158,2
  : 12 : 12 : 12 : 12 : 12 : 12
Arbeitstage pro Monat 13,98 13,68 13,18 13,38 14,38 13,18

3. Netto-Stundensatz berechnen

Um den Stundensatz grob kalkulieren zu können, muss das durchschnittliche Netto-Monatseinkommen (Umsatzsteuer ausgeschlossen) der jeweiligen Fachbereiche abgeschätzt werden. Diese stammen ebenfalls aus den Ergebnissen des Freelancer-Kompass. Mit diesen Werten kann der etwaige Stundensatz der jeweiligen Branchen errechnet werden. Bei einer Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag ergeben sich folgende Werte:

  SAP Beratung und Management IT-Infrastruktur Entwicklung Ingenieurwesen Grafik, Content, Medien
Netto-Monatsverdienst 9858,68€ 7701,02€ 7142,81€ 6085,11€ 5907,29€ 2899,66€
Arbeitstage pro Monat : 13,98 : 13,68 : 13,18 : 13,38 : 14,38 : 13,18
geschätzter Tagessatz = 705,19€ = 562,94€ = 541,94€ = 454,79€ = 410,79€ = 220€
Stunden pro Tag : 8,00 : 8,00 : 8,00 : 8,00 : 8,00 : 8,00
Stundensatz 88,14€ 70,36€ 67,74€ 56,84€ 51,34€ 27,5€

Um keine finanziellen Engpässe in Kauf nehmen zu müssen, ist es ratsam, eine Auslastungsquote in die Berechnung einzubeziehen. Die Ergebnisse des Freelancer-Kompass zeigen, dass freiberuflich Tätige ca. 30% der verfügbaren Zeit nicht mit Projekten beschäftigt sind. Diese Prozentzahl muss pauschal dazugerechnet werden, um finanziellen Ausgleich zu schaffen. Außerdem kann dieser Zeitraum mit Kundenakquise, dem Pflegen von Netzwerken oder Eigenmarketing genutzt werden.

Sie sind nicht komplett ausgelastet?

  SAP Beratung und Management IT-Infrastruktur Entwicklung Ingenieurwesen Grafik, Content, Medien
Ausgleich Auslastungsdefizit *1,3 *1,3 *1,3 *1,3 *1,3 *1,3
Netto-Stundensatz 114,58€ 91,46€ 88,06€ 73,89€ 66,74€ 35,75€

Durchschnitts-Stundensätze des freelancermap-Index (Stand August 2020):

  SAP Beratung und Management IT-Infrastruktur Entwicklung Ingenieurwesen Grafik, Content, Medien
freelancermap-Index 95€ 85€ 80€ 75€ 72€ 60€

Sozialversicherung

Freelancer, die neu im Geschäft sind, stecken oft noch im Angestellten-Denken fest. Was im festen Arbeitsverhältnis der Arbeitgeber zum Teil übernommen hat, muss der freie Mitarbeiter nun selbst tragen: die Sozialversicherung. Diese besteht aus 5 Säulen:

  • Krankenversicherung
  • Pflegeversicherung
  • Rentenversicherung
  • Arbeitslosenversicherung
  • Unfallversicherung

Kranken- und Pflegeversicherung

Lediglich Kranken- & Pflegeversicherung sind für Selbstständige in Deutschland bisher verpflichtend. In alle anderen Versicherungen können Sie freiwillig einzahlen. Freelancer haben zwei Möglichkeiten: sie können sich entweder freiwillig gesetzlich versichern lassen oder nehmen die private Krankenversicherung in Anspruch. Die Beitragshöhe in der gesetzlichen Versicherung richtet sich bei Selbstständigen nach dem Verdienst und sonstigen Einkünften.

Welches Modell für Sie passt, können Sie unter anderem mit Hilfe von Online-Tools, wie dem SBK-Freelancer-Tool herausfinden.

Gesetzliche Krankenversicherung
max. Beitragsbemessungsgrenze 4687,50€ pro Monat
min. Beitragsbemessungsgrenze 1061,67€ pro Monat
Höhe der Beiträge
max. Zahlung zzgl. Zusatzbeitrag 839,06€ pro Monat
minimale Zahlung zzgl. Zusatzbeitrag 181,01€ pro Monat

Entscheiden Sie sich für die gesetzliche Krankenversicherung werden 14% des Einkommens fällig, mit Anspruch auf Krankengeld sind es 14,6%, plus 3,05% (3,30% für Kinderlose) für die Pflegeversicherung. Der maximale Versicherungsbeitrag beläuft sich weit über 800 Euro pro Monat.

Selbstständige, die ein geringes Einkommen haben, zahlen dementsprechend weniger ein: Der minimal mögliche Betrag, für Freelancer, die sich gesetzlich krankenversichern, beläuft sich hier auf rund 180 Euro pro Monat. Der Zusatzbeitrag, der je nach Krankenkasse variieren kann und darüber hinaus gezahlt werden muss, liegt zwischen 0,3 und 1,8%. Da die Berechnung auch hier sehr individuell ist, können Sie zur ersten Kalkulation einen Beitragsrechner verwenden.

Hinweis: Wenn Sie Mitglied der Künstlersozialkasse (KSK) sind, trägt diese 50% der freiwillig gesetzlichen Krankenversicherung und den halben durchschnittlichen Zusatzbeitragssatz (für 2020: 1,1%). Als Künstler oder Publizist sind Sie ebenfalls über die KSK rentenversichert (Pflicht).

Freiwillige Versicherungen

Die Liste der möglichen Versicherungen, die Sie zusätzlich abschließen können, ist lang. Hier muss jeder für sich selbst entscheiden, ob ein Abschluss Sinn macht. Für Freelancer, die sich ihrer Selbstständigkeit anfangs noch nicht hundertprozentig sicher sind, kann eine Arbeitslosenversicherung durchaus Sinn machen. Für Selbstständige, wie IT-Freelancer, die einer fehleranfälligen Tätigkeit nachgehen, kann sich eine Berufshaftpflicht anbieten.

Auch eine Unfall- oder Lebensversicherung kann in einigen Fällen Sinn machen. Denken Sie auch an die Altersvorsorge – die gesetzliche Rentenversicherung schlägt allerdings mit einem Prozentsatz von 18,6% kräftig zu Buche. Daher kann es sinnvoll sein, sich privat versichern zu lassen, Wertpapiere zu erwerben oder anderweitig vorzusorgen. Hier entscheiden Sie individuell und nach finanziellen Möglichkeiten.

Versicherungsbeiträge für Selbstständige

Abgabe (gesetzlich) Prozentsatz
KV inkl. Krankengeld 14,6 %
KV ermäßigt 14 %
Zusatzbeitrag der KV 0,3 bis 1,8 %
Pflegeversicherung 3,05 %
Pflegeversicherung für Kinderlose 3,3 %
Arbeitslosenversicherung 2,4 %
Rentenversicherung 18,6 %
Unfallversicherung frei wählbar

Sonstige Einflussfaktoren

Freelancer-Neulinge nehmen vergleichsweise jeden Auftrag an, den sie bekommen können. Um die Projekte besser differenzieren und eine gute Verhandlungsposition einnehmen zu können, sollten sie, neben der Berechnung der Einnahmen und Ausgaben, strukturiert vorgehen. Dabei sollte sich jeder Freiberufler oder Freelancer Gedanken machen, welche Faktoren den Stundensatz beeinflussen. Der Freelancer-Kompass zeigt, wie stark die äußeren Einflüsse tendenziell ausgeprägt sind.

Überblick zu den Einflussfaktoren auf den Stundensatz (Quelle: Freelancer-Kompass 2018)

Top 5 Einflussfaktoren

  1. Ort
  2. Branche
  3. Fachgebiet und Rolle im Projekt
  4. Unternehmensgröße
  5. Berufserfahrung

Informieren Sie sich über übliche Honorare: Wie viel verlangen andere Freelancer Ihres Fachbereichs? Hierbei müssen Sie darauf achten, dass sich weitere Faktoren, wie Bildungsabschluss, Berufserfahrung und Alter, auf den Stundensatz auswirken. Was empfehlen Berufsverbände der jeweiligen Branche? Wie Sie sehen, gibt es nicht DIE Kalkulation – Stundensätze MÜSSEN individuell berechnet werden. Außerdem wichtig: Verkaufen Sie Ihre Leistungen gut und begründen Sie Ihr Honorar. Seien Sie selbstbewusst!

Fazit

Beim Berechnen des Stundensatzes, insbesondere zu Beginn der Karriere, müssen Freelancer und Freiberufler darauf achten, dass sie schlussendlich Gewinne erzielen. Laufende Kosten müssen gedeckt sein, Rücklagen fürs Alter gebildet und Steuern müssen abgeführt werden. Seien Sie mutig und kennen Sie Ihren Wert, lernen Sie zu argumentieren und zu verhandeln.

Und bedenken Sie: Mit steigender Erfahrung können Sie auch Ihren Stundensatz erhöhen. Stellen Sie die Kosten exakt auf und verschaffen Sie sich finanziellen Puffer, um Ausfälle ausgleichen zu können. Ihre Einnahmen müssen höher als Ihre Ausgaben sein!

Service-Hinweis: Die verwendeten Daten dieses Artikels entstammen dem Freelancer-Kompass 2020. Die Befragung lief über einen Zeitraum von etwa 14 Wochen. In über 70 Fragen wurden 1856 Freelancer, Freiberufler und Selbstständige zu Trends des freien Projektgeschäfts befragt.

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Über den Autor

Karoline Grimm

Karoline Grimm studierte Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit mit technischem Schwerpunkt an der TH Nürnberg. Bereits während der Studienzeit interessierte sie sich für Bloggen, SEO, Social-Media und weitere Marketing-Themen. In ihrer Freizeit engagiert sie sich für Nachhaltigkeit und Tierschutz. Seit Dezember 2018 ist sie im Online-Marketing bei freelancermap.de tätig.

Von Karoline Grimm

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