Selbstständig und krank: Tipps & Studie zu Freelancern
Ein grippaler Infekt, ein Bandscheibenvorfall, eine Woche mit Fieber. Bei Angestellten ist das Prinzip leicht: in Krankheitsfällen zahlt der Arbeitgeber weiter. Bei Selbstständigen sieht die Sache anders aus: die Einnahmen stoppen, die Fixkosten allerdings nicht. Wir haben Tipps für Selbstständige zusammengestellt und eine Umfrage auf freelancermap durchgeführt, die zeigt, wie Freelancer wirklich mit dem Thema Krankheit umgehen.
Das auffälligste Ergebnis vorweg: 58 Prozent kalkulieren Krankheit gar nicht erst in ihre Sätze ein. Und 16 Prozent gehen im Ernstfall nie zum Arzt. Und, was besonders beeindruckt: 86 Prozent haben noch nie krankheitsbedingt eine Deadline verschoben.
Das Wichtigste in Kürze
- Selbstständige bekommen keine Lohnfortzahlung. Jeder Krankheitstag ohne Absicherung ist ein potenzieller Tag ohne Einnahmen.
- Gesetzlich Versicherte haben nur mit gewähltem Krankengeldanspruch eine Absicherung, und die greift meist erst ab der siebten Woche.
- Wer keinen Gewinn ausweist, bekommt oft auch kein Krankengeld.
- Krankentagegeld, eine private Zusatzversicherung, springt schon nach wenigen Tagen ein. Die Karenzzeit legt der Freelancer selbst fest.
- Unsere Umfrage zeigt: Die meisten sichern sich schlecht ab, arbeiten oft krank weiter und wünschen sich trotzdem mehrheitlich bessere Lösungen.
- Freelancer müssen im Schnitt etwa zwei Wochen seltener ausfallen aufgrund von Krankheit als Angestellte.
Wer zahlt bei Krankheit?
Der Haken an der Selbstständigkeit ist: Erstmal zahlt niemand bei Krankheit. Es gibt keine automatische Absicherung wie bei Angestellten. Was ein Freelancer am Ende bekommt, hängt davon ab, wie sie oder er versichert ist und ob vorgesorgt wurde.
Lese-Tipp: Gesetzlich oder privat? Wie sich Freiberufler und Solo-Selbstständige am besten krankenversichern, erklären wir in diesem Ratgeber.

Krankengeld in der GKV
Gesetzlich versicherte Selbstständige haben nicht automatisch Anspruch auf Krankengeld. Sie müssen ihn aktiv wählen. Wer den allgemeinen Beitragssatz zahlt statt des ermäßigten, bekommt bei längerer Krankheit ab der siebten Krankheitswoche Krankengeld, also ab Tag 43. Die Höhe liegt etwa bei rund 70 Prozent des Arbeitseinkommens. 2026 sind maximal 135,63 Euro pro Tag möglich.
Für die ersten sechs Wochen wird also eine andere Lösung benötigt, wie zum Beispiel eigene Rücklagen oder einen Wahltarif mit früherem Beginn.
tipp
Kein Gewinn, also kein Krankengeld
Das Problem bei der Krankenabsicherung: Vielen Selbstständigen ist zu Beginn gar nicht bewusst, was das bedeutet. Das Krankengeld richtet sich nämlich nach dem tatsächlichen Arbeitseinkommen laut Steuerbescheid. Wer keinen Gewinn ausweist, hat auch kein Einkommen, das ersetzt werden könnte. Krankengeld gibt es in diesem Fall also nicht.
Das gilt laut Rechtsprechung des Bundessozialgerichts selbst dann, wenn jahrelang der volle Beitrag gezahlt wurde. Betroffen sind vor allem zwei Gruppen: Gründer in den ersten Jahren, und alle, die durch Investitionen ihren Gewinn bewusst niedrig halten. Ein starkes Geschäft auf dem Papier schützt also per se nicht.
Krankentagegeld und PKV
Krankentagegeld ist eine private Zusatzversicherung. Sie zahlt einen festen Tagessatz, den man selbst vorher vereinbart. Der große Vorteil: Du bestimmst die Karenzzeit selbst. Wer will, ist schon ab dem vierten oder achten Tag abgesichert, nicht erst ab Woche sieben.
Privat Versicherte brauchen so einen Tarif fast immer, weil die PKV das Einkommen im Krankheitsfall nicht ersetzt. Wichtig an dieser Stelle ist die ärztliche Bescheinigung. Denn ohne Attest zahlt kaum ein Versicherer.
Bürgergeld als Notnagel
Wenn Krankengeld, Versicherung und Rücklagen fehlen, bleibt das Bürgergeld. Es sichert die Grundversorgung und übernimmt die Krankenversicherungsbeiträge. Der Antrag läuft über das Jobcenter.
Für viele fühlt sich dieser Schritt schwer an. Aber als Überbrückung einer langen Durststrecke ist er genau dafür gedacht: Zur Unterstützung in Notzeiten.
Tipps: Was man selbst zusätzlich tun kann
Was man neben der Einbeziehung einer Versicherung noch tun kann, zeigen unsere sechs Punkte:
- Rücklage aufbauen. Ein Polster, das im Idealfall ein paar Wochen Zeit zur Überbrückung lässt, ist die einfachste Absicherung. Ein fester monatlicher Betrag zusätzlich reicht in der Regel, um dorthin zu kommen.
- Puffer einkalkulieren, wenn der Markt es zulässt. Ein kleiner Aufschlag im Stundensatz kann Ausfälle gut abfedern. Bei schwacher Auftragslage fällt das zugegebenermaßen schwer, dann zählt Schritt 1 umso mehr.
- Krankentagegeld prüfen. Für viele ist das die sinnvollste Ergänzung. Karenzzeit und Tagessatz lassen sich an die eigene Rücklage anpassen.
- Notfallplan und Vertretung klären. Wer im Ernstfall einspringt oder welche Aufgaben liegen bleiben dürfen, entscheidet sich am besten vor dem Fieber.
- Auftraggeber früh informieren. Unsere Umfrage (unten) zeigt, dass Offenheit meist funktioniert. Ein früher Hinweis wirkt professioneller als eine verschobene Deadline.
- Finanzamt einbeziehen. Bei längerer Krankheit kann man die Einkommensteuer-Vorauszahlungen senken lassen.
Chronisch krank
Eine chronische Erkrankung ändert die Sache erheblich. Statt kurzer Ausfälle geht es um wiederkehrende oder dauerhafte Einschränkungen.
Wichtig ist hier eine Absicherung, die wirklich über einzelne Krankheitstage hinausreicht. Krankentagegeld mit passender Laufzeit hilft an dieser Stelle. Bei dauerhafter Einschränkung kommen eine Berufsunfähigkeitsversicherung oder die Erwerbsminderungsrente ins Spiel.
Auch die Beitragsseite lohnt einen Blick. Wer wenig verdient, kann mit der Krankenkasse mindestens über eine Beitragsreduzierung sprechen.
Lange krank
Ein Ausfall über Wochen oder Monate ist das größte finanzielle Risiko. Genau davor haben viele Solo-Selbstständige am meisten Sorge. Das gesetzliche Krankengeld läuft bis zu 78 Wochen; danach greift, wenn du dauerhaft nicht mehr arbeiten kannst, die Erwerbsminderungsrente. Diese springt frühestens nach sechs Monaten ein und richtet sich am zuletzt verdienten Einkommen aus.
Sind Krankengeld, Versicherungen und Vermögen aufgebraucht, bleibt immer noch der Antrag auf Bürgergeld. Wer vorher eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen hat, ist in diesem Szenario am besten aufgestellt.
Freelancer vs. Angestellte: Wer fällt öfter aus?
Laut unserer Umfrage fallen Freelancer nur an einem bis maximal drei Tage im Jahr aus. Das ist der Median. Als grober Mittelwert kommen etwa sechs Tage heraus (nach oben gezogen von den wenigen Langzeitfällen). 68 Prozent kommen mit höchstens drei Tagen durchs Jahr. Vergleichen wir das mit Angestellten, liegen die offiziellen Zahlen deutlich höher:
Laut DAK lag die Krankheitsdauer bei Angestellten alleine im ersten Halbjahr 2026 bei 9,7 Tagen. Im Jahr fallen sie durchschnittlich 15 bis 19 Tage aus – je nach Quelle und Methodik der Untersuchung.
Damit fallen Freelancer im Schnitt – und je nach Krankenkassen-Studie – bis zu zwei Wochen seltener krankheitsbedingt aus als Angestellte.
Umfrage unter Freelancern: Die spannendsten Zahlen
Wir haben Freelancer auf freelancermap gefragt, wie sie mit Krankheit umgehen. 194 Personen haben geantwortet. Der Altersschnitt liegt bei 46 Jahren, mehr als drei Viertel arbeiten seit über zehn Jahren in ihrem Bereich.

58 Prozent kalkulieren Krankheit nicht ein
Fast sechs von zehn Befragten rechnen keinen Krankheits-Puffer in ihre Stunden- oder Tagessätze ein. Das Einkommen hängt also komplett an der Arbeitsfähigkeit, doch die wenigsten kalkulieren dieses Risiko mit ein.
| Krankheits-Puffer im Stundensatz? | Anteil |
| Nein | 58 % |
| Ja | 42 % |
Die meisten Freelancer kalkulieren so, als würden sie nie krank. Das rächt sich beim ersten längeren Ausfall. Eine Rücklage für ein paar Wochen und ein ehrlicher Umgang mit der eigenen Gesundheit bringen im Ernstfall mehr als jeder Vorsatz, einfach durchzuhalten.
Thomas MaasCEO von freelancermap
Rücklagen: alles oder nichts
Bei den Rücklagen zerfällt das Feld in zwei Lager. 28 Prozent kämen höchstens eine Woche über die Runden, davon sind 12 Prozent ganz ohne Reserven. Am anderen Ende stehen 30 Prozent, die länger als drei Monate durchhalten. Dazwischen ist wenig.
| Wie lange überbrückbar? | Anteil |
| Gar nicht (keine Rücklagen) | 12 % |
| Bis zu 1 Woche | 16 % |
| 1 bis 4 Wochen | 26 % |
| 1 bis 3 Monate | 16 % |
| Länger als 3 Monate | 30 % |
Die 30 Prozent mit langem Puffer wirken beruhigend. Was allerdings täuschen kann: In einer so erfahrenen Stichprobe (Durchschnittsalter liegt bei 46 Jahren) ist dieser Wert wahrscheinlich höher als im Schnitt aller Selbstständigen. Man kann annehmen, dass gerade jüngere Freelancer weniger oder seltener Ausfälle überbrücken können.
Wie oft Freelancer ausfallen
Das Wichtigste vorweg: Die meisten Freelancer fallen selten aus. 37 Prozent waren im letzten Jahr keinen einzigen Tag krank. Weitere 30 Prozent nur ein bis drei Tage. Die schlechte Nachricht steht am unteren Rand der Tabelle. 8 Prozent fielen länger als 30 Tage aus. Für einen Selbstständigen ohne Absicherung ist das existenzbedrohend.
| Krankheitstage im letzten Jahr | Anteil |
| 0 Tage | 37 % |
| 1 bis 3 Tage | 30 % |
| 4 bis 7 Tage | 15 % |
| 8 bis 14 Tage | 5 % |
| 15 bis 30 Tage | 4 % |
| Mehr als 30 Tage | 8 % |
16 Prozent gehen nie zum Arzt
Diese Zahl sagt viel über den Alltag von Selbstständigen aus. Nur etwa jeder Zehnte geht am ersten Tag zum Arzt; fast die Hälfte wartet ein paar Tage ab. 26 Prozent gehen erst zur Untersuchung, wenn es gar nicht mehr geht. Und ganze 16 Prozent gehen nie.
Krank weiterarbeiten ist für viele der Normalfall. Es beutetet aber nicht, dass Freelancer seltener krank sind.
| Wann zum Arzt? | Anteil |
| Am ersten Tag | 10 % |
| Erst nach ein paar Tagen | 47 % |
| Erst wenn es gar nicht mehr geht | 26 % |
| Geht eigentlich nie zum Arzt | 16 % |
Absagen und verschobene Deadlines
Krankheit schlägt auch auf laufende Projekte durch. 14 Prozent mussten schon einmal ein Projekt krankheitsbedingt absagen und ebenfalls 14 Prozent haben eine Deadline wegen Krankheit verschoben. Für die große Mehrheit blieb es bislang folgenlos, doch ein Ausfall reicht, um einen Kunden zu verlieren.
So viel Prozent haben krankheitsbedingt schon einmal…
- ein Projekt abgesagt: 14 %
- eine Deadline verschoben: 14 %
Reden mit dem Auftraggeber
Hier überrascht die Umfrage im positiven Sinn. 65 Prozent trauen sich, offen mit dem Auftraggeber zu sprechen, wenn sie krankheitsbedingt verschieben müssen. Die verbreitete Angst, bloß nichts anmerken zu lassen, teilt nur eine Minderheit.
| Sind Sie in dieser Hinsicht offen mit dem Auftraggeber? | Anteil |
| Ja | 65 % |
| Nein | 42 % |
| Weiß nicht | 13 % |
Der Wunsch nach Absicherung
Trotz dünner Vorsorge ist der Wunsch nach besseren Lösungen groß. 44 Prozent wünschen sich ausdrücklich eine bessere Absicherung im Krankheitsfall. Nur 29 Prozent sehen keinen Bedarf.
In der offenen Zusatzfrage wurde konkret, was genau Freelancern fehlt. Am häufigsten genannt: Krankengeld, das schon ab dem ersten Tag greift, nicht erst nach Wochen. Danach folgen der Wunsch nach bezahlbaren Zusatzversicherungen und nach einem Einkommensersatz, der sich am Prinzip der Angestellten orientiert.
Was für die Freelancer eine bessere Absicherung bedeuten würde:
- Krankengeld ab Tag 1 oder früher
- Bezahlbare Zusatzabsicherung
- Einkommensersatz nahe Angestelltenstatus
- Absicherung bei Langzeiterkrankung
- Strukturelle oder rechtliche Lösungen